Atem und Flexibilität

Artikel „Atem und Flexibilität“ aus der atman zeitung, der Fachzeitschrift für Atemarbeit und Atemtherapie, von Wilfried Ehrmann (Heft 12018). Hier wird beschrieben, wie unser Automatismus und unsere Gewohnheiten uns in Flexibilität, Spontanität und Kreativität blockieren.

Die Geschichte der Menschheit ist gekennzeichnet durch einen beständigen Fortschritt in der Spezialisierung. Während Menschen in der Frühzeit Allrounder waren, was auch heißt, dass sie rund um die Uhr auf den Beinen waren und ihr Leben mit Hand- und Fußarbeit, also mit Körperarbeit gesichert haben, nutzen wir im heutigen Bewegungsalltag durchschnittlich 1 – 5 % unserer Bewegungsmöglichkeiten. Die Einschränkung der Vielfalt von körperlichen Aktivitäten spitzt sich in der Informationsgesellschaft extrem zu. Wir können uns heutzutage unseren Reichtum erwirtschaften, indem wir nichts tun als den ganzen Tag in eine Tastatur zu klopfen und dazwischen mal auf WC oder zum Kühlschrank zu gehen. Andere Menschen nutzen dazu noch die Muskeln, die sie zum Be- und Entsteigen sowie Bedienens ihres Autos brauchen.

Unser Körper mit seinen 656 Muskeln ist auf vielfältige Herausforderungen eingestellt; wenn wir aber nur einen Bruchteil von ihnen nutzen, verkümmern die anderen Bereiche, verspannen sich und werden träge und müde. Wir verlieren an Flexibilität – und genauso geht es unserem Gehirn, denn dieses reduziert sich in seinen Möglichkeiten, wenn es vor keine Bewegungsherausforderungen gestellt ist. So beginnt es, stärker in Schablonen zu denken anstatt seine Kreativität zu entfalten.

Dabei ist es gerade unser Gehirn, das zusätzlich durch einen zweiten Trend, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, zunehmend besonders in Anspruch genommen ist. Die Arbeiten, die die Menschen verrichten, sind immer mehr über mentale Prozesse gesteuert, die zunehmend komplexer werden. Ein Bauer, der im Mittelalter seine Felder bestellte, hat alles, was er dazu an Wissen brauchte, von seinen Eltern gelernt. Heutzutage braucht es Jahrzehnte, bis ein junger Mensch in der Gesellschaft seinen Erwerb sichern kann, so viel Wissen und Gehirnschmalz ist notwendig. Die mentalen Fähigkeiten sind die Eintrittskarte in die meisten Berufe, sodass die kognitiven Bereiche des Gehirns auf Kosten der anderen Areale überbetont werden, vor allem jene, die mit dem inneren Spüren zu tun haben. Wenn wir uns auf die Erweiterung der mentalen Fähigkeiten fokussieren, schwindet der Bezug zum eigenen Inneren. Wir werden uns selber fremd und ignorieren deshalb häufig die Spirale, die uns der Körper gibt, wenn er über- oder unterfordert ist.

Deshalb ist die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem so wichtig. Er führt uns in unsere Innenwelt und macht uns bewusst, wie es uns gerade geht, was wir brauchen und was unsere Impulse sind. Diese Bewusstheit erleichtert uns das Aussteigen aus einschränkenden Verhaltensweisen und motiviert uns, Neues auszuprobieren, sei es nur, einen tiefen Atemzug zu nehmen, vom Schreibtisch aufzustehen und ein paar Dehnungsübungen zu machen. Wir werden merken: Schon kommen andere Gedanken und Ideen, wir gewinnen ein Stück an Kreativität dazu. Gewohnheiten sind es, die uns das Leben erleichtern sollen. Wir neigen dazu, alles, was einmal funktioniert hat, so zu fixieren, dass wir es immer wieder in gleicher Weise praktizieren, auch wenn wir es gar nicht mehr brauchen oder es uns nicht mehr dient und stattdessen im Weg steht. So stecken Gewohnheiten hinter den meisten Problemen, die uns unser Leben schwer machen. Sie engen unsere Möglichkeiten ein und beschränken unseren Erlebens- und Handlungsradius. Das geht bis in unsere Bewegungsformen: Wir gehen mit einer bestimmten, irgendwann einmal festgelegten Form, putzen die Zähne oder duschen uns auf ähnliche Art und atmen so, wie wir es im Lauf der Zeit irgendwann angewöhnt haben.

Auch hier ist wieder die Atembewusstheit ein erster Schritt: Indem wir einen bewussten Atemzug nehmen, brechen wir schon aus einer eingeschränkten Atemgewohnheit aus und geben uns selbst mehr Raum, in dem etwas Ungewohntes geschehen kann.

Natürlich ist es wichtig, dass wir unsere unterschiedlichen Körperbereiche immer wieder aktivieren und sie damit geschmeidig halten. Die Atemvariation können wir als Anfang nehmen und dann unseren Körper in eine spontane Beweglichkeit bringen. Damit stärken wir unsere Flexibilität, denn ein Körper, der in all seinen Muskeln und Sehnen beweglich ist, kann auf alle möglichen Herausforderungen spontan und angepasst reagieren, ohne auf gewohnte Verhaltensmuster zurückgreifen zu müssen.

Jeder Gewinn an Flexibilität ist ein Gewinn an Freiheit, jede Einschränkung unserer Möglichkeiten durch nicht mehr sinnvolle Gewohnheiten bedeutet einen Verlust an Lebendigkeit, den wir irgendwann mit Schmerzen und Erkrankungen bezahlen müssen. Es liegt an uns selbst, unsere Bewusstheit zu schulen, damit wir unsere Beweglichkeit erhalten, was unseren Körper immer freut. Er muss dann keine Symptome mehr erzeugen, um uns daran zu erinnern, dass wir auf ihn und seine Bedürfnisse vergessen haben und freut sich stattdessen, dass er seine Bewegungsspielräume kreativ nutzen kann.